Rückblick, Dank, Ausblick

Hallo zusammen!

Jetzt bin ich schon wieder über sieben Monate zurück in Deutschland und es wird Zeit, dass ich hier noch ein paar Worte über mein Jahr in Tansania schreibe.

Sorry, dass ich damit so lange auf mich warten hab lassen!! Aber wie heißt es so schön in Kiswahili „pole pole“ (langsam langsam :-))

Ich habe auch das Gefühl, dass ich jetzt durch den zeitlichen Abstand meinen Freiwilligendienst in Tansania besser reflektieren kann.

So möchte ich versuchen in diesem Eintrag für euch meine Eindrücke und Erlebnisse etwas zusammenzufassen:

Der Kulturschock traf mich überraschenderweise nach meiner Rückkehr nach Deutschland doch stärker, als ich es erwartet habe. Dies hatte mehrere Ursachen:

So war nach dem Jahr Tansania der Abschied in Rulenge ein endgültiger und dies habe ich wohl erst zurück in Röttenbach ganz begriffen. Besonders in den ersten Monaten in Deutschland vermisste ich die Kinder des Angel Home sehr. (Ganz vergessen werde ich sie NIE!) Der Tagesablauf in unserem kleinen schnuckligen Rulenge war für uns Freiwillige eingefahren. Wir standen um 7.30 Uhr auf, frühstückten gemeinsam, gingen in die Arbeit, ich badete, wickelte, fütterte und spielte mit den Kindern bis um 13 Uhr und dann war bis um 15 Uhr Mittagspause angesagt. Dann stand nochmal 2 Stunden Kinderknuddeln auf dem Plan und am Abend spielte ich oft mit den Jungs vom Dorf Volleyball. Danach kalt duschen und dann gab‘s als Betthupferl meist noch ein paar Folgen „Scrubs“ 🙂

Hier zurück in Deutschland wusste ich erst nicht, was ich mit meiner Zeit anfangen sollte. Das Angebot war mir zu viel und ich fühlte mich am Anfang von der deutschen „Veranstaltungsgesellschaft“ schon etwas überrollt. Ich hatte so viele Angebote und konnte mich zu nichts motivieren und war dann wirklich froh, dass ich spontan für 2 Wochen eine Ferienarbeit gefunden hab. So machte ich mir den Tagesrhythmus selber.

Weiterhin hatte ich das Gefühl während meines Jahres doch vielleicht einiges der deutschen Kultur etwas vergessen zu haben:

  • Ich war überrascht wie viele Autos am Flughafen standen.
  • Ich stellte fest wie gut meine Schwester rechnen kann. Sie kann nicht nur  gelernte Aufgaben auswendig aufsagen, sondern auch Umkehraufgaben lösen und versteht die Zusammenhänge.
  • Die Wartezeit beim Arzt erschien mir kürzer.
  • Die Autos fuhren auf den Straßen leiser – es hobbelt ja gar nicht und von Staub und Dreck keine Spur.
  • Man muss nicht immer kontrollieren, dass man an Knie und Schulter bedeckt ist, wenn man aus dem Haus geht und man wird nicht komisch angeschaut, wenn man als Frau eine Hose trägt.
  • Mehr Menschen rauchen in der Öffentlichkeit – auch Frauen dürfen das.
  • Es wird sich so unglaublich viel übers Essen unterhalten …und gegessen.
  • ..und auch das Wetter ist immer ein Thema.
  • Mein Opa ist ein wahrer IT- und Computerexperte.
  • Die Bananen sehen zwar gut aus, schmecken aber nicht nach Banane.
  • Oh aus der Dusche kommt ja wirklich warmes Wasser.
  • Ohne Moskitonetz liegt man am Abend viel schneller im Bett.

Diese Liste würde sich jetzt noch ein ganzes Stück erweitern lassen.

Die Welt ist unterschiedlich und das ist entscheidend, diese Erfahrung machte ich in dem Jahr! Armut gibt es überall und Lachen und Weinen kann man in Afrika und Europa. Es wäre falsch die einzelnen Kontinente angleichen zu wollen. Es sind die Unterschiede, die die Welt so reizvoll machen. Dabei ist es nicht richtig eine fremde Kultur an einigen Klischees festzumachen. Es soll nicht sein, dass für uns Afrika oft einfach nur „der arme schwarze Kontinent“ ist. Es ist schade, dass ich manchmal den Eindruck von den Tansaniern hatte, dass sie denken „Wir müssen genau so werden wie die Weißen“ und sie Europa und die USA in allem für die großen, perfekten Vorbilder halten. Afrika hat viele Schätze und kann stolz auf sich sein. Es ist wichtig, dass wir von einander lernen, uns austauschen, helfen und unterstützen. Dabei sollen wir jede einzelne Kultur wertschätzen!  So wird es für mich immer spannend bleiben neue Plätze der Welt kennenzulernen!

Weiterhin hat mich die Einfachheit und das Leben mit wenig Schnickschnack fasziniert und ich werde immer ein Stück Tansania in meinem Herzen haben.

Ich möchte an dieser Stelle auch ein Danke an euch sagen!

Danke für das offene Interesse, die vielen Gedanken und Wünsche. Danke für eure Unterstützung, in welcher Art und Weise auch immer! Ich habe mich über jeden Leser, jeden Kontakt und über jede Spende für das Angels Home sehr gefreut! Hierbei besonderen Dank an meine Patin!

Danke an meine Mitfreiwilligen Theresa, Annika, Lucas und Constantin und die anderen „Weltwärtsler“. Ihr habt mich während dem Jahr mitgeprägt. Ihr habt das Jahr zum dem Jahr gemacht, das ich in Erinnerung hab!

Danke an meine Familie und meine Freunde! Ihr habt mich auf so vielen Wegen unterstützt und ich konnte auf euch zählen! Glaubt mir, ohne euch wäre mir einiges schwerer gefallen!

DANKE für die überwältigende „welcome back party“ ! Ihr seid die BESTEN!

Ich hoffe ich konnte euch etwas von meiner Tansania-Begeisterung weitergeben.

Vor allem danke ich meiner Mama und meinem Papa! Für euch war das Jahr nicht immer leicht und auch die erste Zeit wieder daheim, mit einer vielleicht etwas anderen Simi, war nicht immer so wie wir uns das vorgestellt haben. Danke, dass ihr mir die Chance gabt, dieses Jahr zu erleben und die Zeit, die ich brauchte!

Auch möchte ich mich bei meinem Besuch bedanken, Tante Klaudia, Onkel Alois, Katha, Josef, Tina, Julia und Alex!! Danke für die unvergesslichen Urlaubstage, die tollen Gespräche und schönen Stunden!

Asanteni sana!!

Wie ging es nach meinem weltwärts-Jahr weiter?

Vergangenen Oktober bin ich in das kleine Heidenheim umgezogen – was in seinen Freizeitmöglichkeiten Rulenge sehr ähnlich ist – und studiere dort Sozialmanagement. Da ich dual studiere, wohne ich dort jedoch immer nur drei Monate. Seit Weihnachten bis jetzt im April wohnte ich wieder daheim, da meine Praxisstelle in meinem Heimatlandkreis liegt. Die Eingewöhnung in Heidenheim dauerte bei mir auch wieder seine Zeit und bis ich dort angekommen war, hieß es schon wieder Röttenbach ich komme.. so wird das jetzt die nächsten drei Jahre weiter gehen. Meine Studieninhalte gefallen mir wirklich gut, nette KommilitonInnen waren schnell gefunden und so hoffe ich, dass ich mich in den kommenden Studienphasen schnell wieder einlebe.

Bevor ich jedoch im April wieder nach Heidenheim ziehe, verschlägt es mich zurück nach Afrika . Ich habe die Chance mit einigen anderen StudentInnen für zwei Wochen ein kleines Dorf in Kenya zu besuchen. Ich bin gespannt was dort auf mich wartet!

Für meine weitere Zukunft ist sicher: AFRIKA sieht mich noch öfter!!

Ich wünsche euch eine schöne Osterzeit, eure Simi

Ich möchte in diesem Eintrag noch an unseren kleinen Kelvini erinnern. Der kleine Waisenjunge aus Katoke wurde am 20.01.2011 geboren und am 23.05.2011 in das Angels Home aufgenommen. Leider habe ich vergangene Woche überraschend erfahren, dass er am 12.03.2013 im Krankenhaus in Rulenge verstorben ist.

Ich hoffe du bist jetzt glücklich bei deiner Familie!

_KELVINI_

„Ich bin ein realistischer Träumer. Wer seinen Traum verwirklichen will, muss sich der Schwierigkeiten bewusst sein, die es zu überwinden gilt, und hart für sein Ziel arbeiten. Aber alles beginnt mit einem Traum: jede wegweisende Idee, jede Veränderung. Es gibt natürlich immer wieder Momente, in denen wir zu der bittern Erkenntnis gelangen, dass unsere Träume an der Realität scheitern können.“

Kofi Annan

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So süß sein kann nicht jeder (-:

Diese Galerie enthält 32 Fotos.

Kinder Bettina Wegner Sind so kleine Hände winz’ge Finger dran. Darf man nie drauf schlagen die zerbrechen dann. Sind so kleine Füße mit so kleinen Zehn. Darf man nie drauf treten könn‘ sie sonst nicht geh’n. Sind so kleine Ohren scharf, und ihr erlaubt. Darf man nie zerbrüllen werden davon taub. Sind so schöne Münder […]

Rulenge-Update … Klein aber ohoh, in meinem Rulenge ist immer was los

Die letzten Wochen haben wir gleich dreimal Geburtstag gefeiert. Erst einmal ist am 05.06. Father Denis 40 geworden, diesen haben wir am Freitag den 08.06. gleich zusammen mit Edgars Geburtstag gefeiert. (Edgar ist einer von den drei jungen Priesteranwärtern, die im Haus neben uns am Pfarreigelände wohnen.) Mitte Juni ist dann Theresa noch ein Jahr älter geworden.

Für die afrikanische Gesellschaft ist es jedoch nicht üblich, den Geburtstag zu feiern. Viele wissen nicht einmal, wann sie geboren wurden. Im Waisenhaus hängt eine Liste mit den Namen der Kindern aus, dem Herkunftsort, dem Ankunftstag im Waisenhaus, sowie dem geschätzten Geburtstag. Da die Liste etwas veraltet war, habe ich sie mit einer Schwester neu geschrieben. Dabei ist mir aufgefallen, dass laut den Daten manche Kinder schon vor der Geburt im Waisenhaus waren, so ist Neema am 02.04.2006 im Angels Home aufgenommen worden, jedoch erst am 06.04.2006 geboren. Außerdem hat die Schwester einfach ein paar Kinder kurzerhand umbenannt, so wurde zum Beispiel aus Boas Boazi.

Was lernen wir daraus, für die Menschen in Tansania sind der Geburtstag und die Schreibweise des Namen nicht so wichtig, wie in unserer westlichen Kultur.

Vor zwei Wochen wurden wir zu Dickson nach Hause eingeladen und verbrachten einen lustigen Nachmittag zusammen mit ihm und seiner Tante. Dickson arbeitet im Garten von Father Denis und oft verbringen wir die Abende zusammen bei uns im Garten. Ganz geduldig versucht er uns ein paar neue Kiswahili Worte beizubringen. Neugierig frägt er uns viel, wie das Leben in Deutschland ist, ob wir auch Bananen haben und ob wir wissen, wie man Ugali (Maisbrei) kocht. Wir versuchten ihm zu erklären, was Schnee ist und wie kalt es bei uns im Winter werden kann. Er hat mir auch ein paar tansanische Spiele gelernt, so ist es kein Problem, wenn uns die Vokabeln ausgehen.

Im Moment lebe ich alleine als Freiwillige in Rulenge, da meine Mitbewohner alle verreist sind. Doch auch alleine lässt es sich gut in Rulenge aushalten. Da es sich rumgesprochen hat, dass ich alleine bin, hatte ich die letzten Tage immer wieder Besuch bekommen. Die Afrikaner verstehen es nur schwer, wie man alleine leben kann und ich wurde oft gefragt, ob ich dann wirklich ganz alleine in dem großes Haus schlafe und alleine für mich koche. Wie man nur alleine leben kann, verstehen die Afrikaner nur schwer, da sie ihn ihren großen Familien immer Menschen um sich haben.

Bei ihrem Besuch hat meine Freundin Tina einen Fußball für die Kinder des Waisenhauses mitgebracht. Da wir die Spielsachen nur ungern über Nacht im Waisenhaus lassen, da sie dort immer schnell verschwinden, nehme ich den Ball jeden Tag wieder mit nach Hause. Auf dem Weg dorthin ist der Ball schon vielen aufgefallen und oft werde ich von Kindern oder den Arbeitern auf dem Pfarreigelände gefragt, ob ich ihnen den Ball zuspiele. Alle sind von der guten Qualität begeistert. Jetzt werde ich von allen Seiten nach dem Ball gefragt und jeder will ihn ausleihen. So ist der Fußball schon eine kleine Berühmtheit in Rulenge und wird nicht nur als Fußball genutzt. Seit einer Woche spiele ich jetzt am Abend mit ein paar Mädels Netball und auf dem neuen Volleyballfeld ist der Ball auch schon in Gebrauch gewesen. Leider spielen nur Jungs Volleyball und wenn ich dann als einziges noch dazu weißes Mädchen mitspiele, sind alle Augen auf mich gerichtet, das kann ganz schön anstrengend sein. Noch dazu ist mein Kiswahili immer noch nicht ausreichend, um genug zu verstehen. Doch Spaß macht es trotzdem und ich bin bei Volleyball wenigstens etwas regelsicherer als bei Netball. Jetzt am Freitag war ein großes Turnier. Die Jungend von Rulenge spielte gegen die Schüler einer privaten Secondary School. Da die Schüler jeden Tag nach dem Unterricht Sport machen, war es offensichtlich, dass sie die Mädels in Netball und die Jungs in Volleyball besiegten.

Durch die vielen Spendengelder ist es uns möglich im Angels Home ein Haus zum Wäschetrocknen bauen zu lassen, damit die Wäsche auch während der Regenzeit schnell trocknen kann. Ich kann sagen, die Arbeit geht gut voran! Es gab zwar zwischenzeitlich einen Wasserengpass, da die Pumpe, welche aus einem nahegelegenen Pool Wasser hochpumpt, kaputt gegangen ist, doch das scheint inzwischen geklärt und die Arbeiter sind fleißig am Holz sägen, Nägel hämmern, Beton anrühren und Steine schlichten.

Auch sonst ist im Waisenhaus so weit alles bestens. Zusammen mit Theresa ist die Arbeit zwar nicht so anstrengend, als allein, da wir die Kinder aufteilen können, aber wenn es alleine gehen muss, geht es auch irgendwie. Die großen Kinder in der Vorschule haben im Moment Ferien, so sind auch am Morgen schon alle 19 unter meiner Obhut. Es sind zwar neben mir noch einige Arbeiterinnen und Schwestern anwesend, jedoch kümmern sie sich nicht wirklich um die Kinder. Nur selten haben sie Zeit, um mit den Kindern zu spielen, da sie genügend mit Waschen, Kochen und Putzen beschäftigt sind. Ich übernehme das Spielen 🙂

Die Kinder lieben zu Malen und wir gehen mit ihnen jeden Dienstag auf den Markt. Da ich die letzten Samstage alleine war, nahm ich auch auf den großen Markt ein oder zwei Kinder als Begleitung mit. So werden sie etwas an das Leben außerhalb des Angels Homes gewöhnt. Es ist schön und zugleich traurig zu sehen, wie begeistert sie von einem vorbeifahrenden Pikipiki (Motorrad) oder von den Kühen und Ziegen sind. So viele Dinge, die die Kinder viel zu selten sehen und die für die anderen Kinder im Ort nichts besonderes sind.

Ansonsten sind die Kinder von Luftballons voll begeistert, wir spielen viel mit dem Ball oder anderen Spielsachen, die normalerweise nur im Lagerraum vergammeln. Außerdem versuche ich mit den Kindern Vorschulbücher auf Kiswahili zu lesen, dabei lerne ich auch was dazu.

Liebe Grüße in den deutschen Sommer, Simi

Tu was du kannst,
mit dem was du hast,
wo immer du bist.
Theodore Roosevelt

Reisebericht

Seit meinem letzten Blogeintrag ist schon wieder eine ganze Zeit vergangen, in der ich so einiges erlebt hab und wovon ich euch wieder etwas berichten will.

Ein paar Tage nach Theresas und meinem Trip nach Uganda hieß es für uns schon wieder „Großstadt wir kommen“, diesmal ging es nach Kigali, der Hauptstadt von Ruanda, welche wir schon vergangen November einmal besichtigten. Diesmal fuhren wir ins Nachbarland, um meine Freunde vom Flughafen abzuholen.

Den ersten Abend in Kigali verbrachten Theresa und ich voller Vorfreude mit Baden im Pool eines nahegelegenen Hotels, heißer Dusche und einem Föhn 🙂

Am nächsten Morgen ließen wir uns dann zum Flughafen fahren um meine drei Freunde zu empfangen. Dabei durften wir ganz afrikanisch auf den Flieger warten und warten und warten, denn auf Grund starken Nebels konnte das Flugzeug nicht landen. So beschlossen Theresa und ich doch noch einen kleinen Spaziergang zu machen und somit durften meine Freunde gleich etwas von der afrikanischen Pünktlichkeit zu spüren bekommen, da jetzt wir zu spät am Flughafen zurück waren.

Nach einem freudigen Wiedersehen und einem gemütlichen Frühstück, besuchten wir den „Kigali Genocide Memorial Centre“. Das Museum erinnert an den Völkermord 1994 in Ruanda und zeigte uns eine schattige Seite Afrikas.

Schwarzbrot, wie wir es vermissen..

Schwarzbrot, wie wir es vermissen..

Alex, Tina und Julia haben Theresa und mir einen schönen Abend beschert, mit ganz vielen Leckereinen aus dem guten alten Deutschland.

Das darauffolgende Wochenende verbrachten wir im schönen Rulenge. Alex, Tina und Julia lernten meinen Mentor kennen, wir besuchten die Kinder im „Angels Home“ und auf dem Markt nahmen meine Freunde die erste Gelegenheit war, sich einen schönen roten Sonnenbrand zu holen. Am Samstag Nachmittag schauten Annikas Arbeitskollegen Martine, Life und Nuru vorbei und trotz der Bayern Niederlage im Champions-League-Finale verbrachten wir einen schönen Samstagabend bei Martine.

Nach einem zweistündigen Kiswahili-Gottesdienstes am Sonntag und einem gemütlichen Nachmittag, starteten wir am Montag unsere Tansania-Reise. Um unser Hauptziel Arusha zu erreichen, verbrachten wir die Nacht auf Dienstag in Kahama, von dort aus stiegen wir am nächsten Morgen in einen Überlandbus nach Arusha.

In Arusha – durchgeschüttelt, aber sicher – angekommen, wurden wir von Sospeter herzlich am Busbahnhof empfangen. Sospeter war im ersten halben Jahr unser Sprachlehrer in Rulenge und versuchte uns geduldig Kiswahili beizubringen, dass wir das Leben in Rulenge bewältigen können. Da sein Vater mit seiner Familie an einem deutschen Austauschprogramm teilgenommen hat, verbrachte er fünf Jahre seiner Grundschulzeit in Deutschland und spricht ein exzellentes Deutsch. So hatten wir das große Glück im kleinen Rulenge einen deutschsprechenden Tansanier zu kennen. Im Moment ist er jedoch arbeitstechnisch in Arusha. Was uns jetzt wieder zu Gute kam. Er führte uns durch die stressige 400.000 Einwohnerstadt, half uns eine Safari in den Ngorongoro Krater zu organisieren und wir verbrachten einige schöne Abende mit ihm.

Die Stadt Arusha liegt auf 1450 m Höhe am Fuße des 4566 m hohen Mt. Meru und hat sich auf Grund ihrer zentralen Lage inmitten der nördlichen Nationalparks Tansanias zu einer wahren Tourismus-Hauptstadt entwickelt. An jeder Straßenecke liest man Werbeschilder von Safariveranstalter und auch am Verhalten der Einheimischen merkt man, dass sie mehr an das Aussehen von uns Weißen gewöhnt sind.

Die Gegend um Arusha ist zudem auch die Heimat des Maasai Stammes. Dem Volk gehören heute noch etwa 400.000 Menschen an, welche als Nomaden von der Viehzucht leben. Doch durch den sich aufdrängenden Tourismus sind viele Maasai gezwungen, ihre alten Traditionen mit den Neuheiten des 21. Jahrhunderts zu vereinbaren. Leider geht so viel Kultur verloren, da der Geruch des Geldes für die Menschen immer verlockender wird. Doch auch wir besuchten einen Maasai Markt, auf welchem unzählige Afrika-Souvenirs für die Touristen verkauft werden. Für die angebotenen Leinenbilder, Ebenholzfiguren, Trommeln, Ketten und sonstigem Krimskrams bezahlt man je nach Feilsch-Talent.

Maasai-Dorf am Ngorongoro-Krater

Maasai-Dorf am Ngorongoro-Krater

Am Eingangsgate des Ngorongoro Kraters

Am Eingangsgate des Ngorongoro Kraters, meine Freunde Alex, Sospeter, Julia und Tina

Unsere Safari in den Ngorongoro Krater war für uns ein faszinierendes Erlebnis und kein Vergleich mit dem Nürnberger Tiergarten 🙂

Am Kraterrand, Blick ins Kratertal

Am Kraterrand, Blick ins Kratertal

In dem 16 x 20 km großem Krater (halb so groß wie der Bodensee) leben so gut wie alle Wildtiere Ostafrikas, mit Ausnahme von Giraffen, da sie die steilen Kraterwände nicht bezwingen können. So sahen wir neben Zebras, Gnus, Büffel, Hyänen, Nilpferden und Nashörnern auch unzählige verschiedenen Vogelarten. Vom großen Straußenvogel über die eleganten Flamingos bis zu einem Greifvogel, der mir mein Lunchpacket klauen wollte. 🙂


Spannend war als wir einen Geparden beim Anpirschen beobachten konnten, leider haben andere Safariautos ihm die Sicht auf sein Opfer versperrt, so dass aus dem Beutefange nichts wurde.

Ein Löwenrudel konnten wir ganz nahe miterleben, da sich die Löwen im Schatten unseres Autos bequem machten.

Nur das Glück Elefanten zusehen hatten wir an diesem Tag nicht. Dafür entdeckte unser Fahrer auf dem Nachhauseweg noch einige Giraffen am Straßenrand, die man bei der Kratertour nicht antreffen kann 🙂

Wir mit unserem Safarifahrer

Wir mit unserem Safarifahrer

Am Freitag besuchten wir eine Vorschule, welche von der Hubert & Renate Schwarz Stiftung aus Büchenbach finanziert und mit unterstützt wird. Wir trafen uns mit dem Leiter der Schule, welcher uns von seinem Leben als Sohn eines Maasais erzählte und wie es zu der Partnerschaft mit Deutschland kam. Meine Freunde und ich waren von dem Projekt wirklich begeistert und hatten großen Spaß, als wir etwas beim Unterricht dabei sein durften. Die Kinder zeigten uns stolz ihre Rechen- und Lesekünste und sangen zum Abschluss ein Lied für uns. Insgesamt haben auf dem kleinen Gelände 70 Vorschüler in zwei Klassenräumen die Chance auf Primärbildung und lernen eine gute Englisch-Basis. Ich stellte fest, dass es große Unterschiede zwischen der Stadt- und Landbildung in Tansania gibt und konnte einige Ideen für die Vorschule des Waisenhauses in Rulenge mitnehmen, welche leider noch nicht so gut ausgebaut ist.

Für den Samstag half uns Sospeter einen Trip nach Moshi zu organisieren. Die Stadt ist ca. 1,5 h von Arusha entfernt und liegt am Fuße des Kilimanjaros (5895 Meter). In Moshi angekommen hielten wir uns jedoch nicht lange auf, sondern fuhren gleich weiter in den kleinen Ort Marangu. Dort absolvierte Sospeter eine Ausbildung und wir trafen einen ehemaligen Studienkollegen von ihm. Er zeigte uns, das College an dem er zusammen mit Sospeter studierte und wir machten uns auf zum „Kilasiya Wasserfall“. Der Weg dort hin führte uns durch einen Berg-Regenwald und viele Bananenplantagen.

Kilasiya Wasserfall

Kilasiya Wasserfall

Wir wussten wirklich nicht was uns auf diesem Trip erwartet und waren von dem Naturschauspiel mehr als begeistert. Nach einer entspannten Pause am Wasserfall ging es wieder die 35 Meter nach oben. Ich war an dem Tag mehr als froh, wegen dem leichten Regen am Morgen geschlossenen Schuhe angehabt zu haben und nicht wie im restlichen Jahr meine ausgelatschten Flipflops.

Danach besichtigten wir die unterirdischen Gänge der Chagga, der größten Volksgruppe Tansanias (ca. 500.000 Stammesmitglieder). Die Gänge wurden von Stammesmitgliedern als Schutz gegen die Maasai gebaut und eindringende Maasai wurden in den dunklen Lehmgängen erstochen und ermordet.

In den engen, etwas schmutzigen Chagga Gängen

In den engen, etwas schmutzigen Chagga Gängen

Auf der Rückfahrt nach Moshi hatten wir noch ein weiteres Glück. Der Himmel tat uns den Gefallen und schob die Wolken um den Kilimanjaro weg. Ein Mitfahrer im Bus erzählte, dass man die letzten zwei Wochen den Berg nicht mehr gesehen hatte. Doch für uns zeigte sich der wohl bekannteste Berg Afrikas gerne 🙂

Am Abend zurück in Arusha trafen wir ein letztes Mal unseren „Reiseführer“ Sospeter und wir setzen am nächsten Morgen unsere Reise nach Mwanza fort.

In der Stadt am Viktoria See verbrachten wir weitere drei Nächte. Wir schauten in dem Behindertenprojekt „Tunaweza“ (übersetzt „Wir können“) vorbei, in dem ebenfalls eine Weltwärtsfreiwillige arbeitet, aßen im Straßenkinderrestaurant „Binti Maringo“, hatten gemütliche Abende, stiegen auf den Felsen „Dancing Rock“ und genossen die Aussicht auf den Viktoria See.

Auf dem Dancing Rock in Mwanza

Auf dem Dancing Rock in Mwanza

Da es Julia, Alex und Tina so in meinem schönen Rulenge gefallen hat, wurde spontan beschlossen, noch einmal zum Abschluss nach Rulenge zu kommen. Ich, wie auch meine Mitbewohner und Father Denis hat das natürlich sehr gefreut und so verbrachten wir noch einen legendären Abend mit Reiseberichten und TAE BO in unserer WG. 🙂

Am Donnerstag war es Zeit für den Abschied und Tina, Julia und Alex fuhren mit dem Taxi an die Tansanisch-Ruandische Grenze, wo es für sie mit dem Bus wieder zurück nach Kigali ging. Ich blieb in Rulenge und legte einen Wasch- und Putztag ein.

Doch in Rulenge blieb ich nicht lang, da ich am nächsten Morgen mit Father Denis nach Burundi aufbrach. Anlass zu diesem Ausflug war wirklich ein großer Zufall. Mein Mentor Father Denis ist nämlich in Burundi geboren und aufgewachsen und zwar in genau der Diözese, in der meine Diözese Eichstätt eine Partnerschaft aufbaut und ein Bauprojekt startet. Neben der geplanten Pfarrkirche „St. Willibald und St. Walburga“ soll eine Gesundheitsstation, eine Primar- und Sekundarschule, so wie eine Berufsschule und ein Schwesternhaus entstehen. Zur Grundsteinlegung war Ende Mai eine zwölfköpfige Delegation aus Deutschland für vier Tage nach Burundi gereist, u.a. auch mein  Heimatpfarrer aus Röttenbach.

So fuhr ich mit meinem Tansania-Pfarrer meinen Deutschland-Pfarrer besuchen 🙂

Auf der Hinfahrt nach Gitega durfte ich die Familie von Father Denis treffen und wurde von allen ganz lieb willkommen geheißen und umarmt. Sie freuten sich alle sehr Father Denis zu sehen, da er nicht oft die Zeit und das Geld hat, nach Burundi zu fahren, um seine Familie zu besuchen.

Das Treffen mit der deutschen Delegation war am nächsten Morgen das zweite Highlight und Father Denis und ich hatte die Ehre bei einigen Terminen dabei zu sein. Überraschenderweise schliefen wir dazu noch im Bischofshaus. Es war wirklich etwas Besonderes! Zum krönenden Abschluss nahmen wir am großen Abschlussgottesdienst teil, ich verabschiedete mich von „meinen Landsleuten“ und in afrikanischer Gemütlichkeit brach ich mit meinem Mentor nach Tansania auf.

Nach dieser aufregenden Reisezeit bin ich jetzt wieder zurück im stillen Rulenge, wovon ich euch im nächsten Blog wieder etwas berichten will.

Bis die Tage, eure Simi

Von allen Geschenken,
die uns das Schicksal gewährt,
gibt es kein größeres Gut als die Freundschaft
– keinen größeren Reichtum, keine größere Freude.
Epikur von Samos

Einmal über den Äquator und zurück

Da wir für das Projekt „Wäschehaus“, welches im Waisenhaus gebaut wird, die Spendengelder nach Rulenge bringen müssen, fuhren Theresa und ich vergangenes Wochenende nach Bukoba.

Die klimatisch angenehme Kleinstadt am Westufer des Viktoriasees ist mit 70.000 Einwohnern ist die Hauptstadt der Verwaltungsregion Kagera, zu welcher auch Rulenge gehört.

Da Bukoba nahe an der Grenze zu Uganda liegt, haben wir beschlossen an die „Geschäftsreise“ noch einen privaten Aufenthalt in Kampala, der Hauptstadt des Nachbarlandes anzuhängen. 🙂

Wie schon bei unserem Wochenendurlaub vergangenen November in Ruanda, war es auch diesmal für mich sehr interessant, Unterschiede und Gemeinsamkeiten verschiedener afrikanischer Länder feststellen zu dürfen.

Da in Uganda vermehrt Englisch gesprochen wird, fanden wir uns relativ leicht in der unbekannten Stadt zurecht. Jedoch waren wir mit dem sehr chaotischen Verkehr etwas überfordert. Ein solch großes, unkontrolliertes Verkehrsaufkommen habe ich weder in Dar es Salaam noch in Kigali erlebt. Motorräder (Bordaborda, wie sie in Uganda heißen) sah man ohne Ende. Alle Fahrer ohne Helm. Als Mitfahrer waren oft nicht nur zwei sondern auch drei Personen plus Fahrer auf einem Fahrzeug und manchmal noch einem Koffer, oder einem Kleinkind. Als Taxis werden ansonsten ebenfalls Daladalas benutzt, diese waren meiner Meinung nach jedoch nicht so vollgestopft wie in anderen tansanischen Städten. Ich muss sagen, den Lärmpegel von hupenden Autos (auch vielen deutsche Marken) und quietschenden Reifen waren wir aus unserem stillen Rulenge nicht mehr so ganz gewöhnt. J Da waren uns die grasenden Kühe auf den Kreisverkehren schon mehr vertraut.

Zwischen all dem Verkehrsgedränge laufen während der roten Ampelphasen Bettelkinder zu den Autos.

Zwischen all dem Verkehrsgedränge laufen während der roten Ampelphasen Bettelkinder zu den Autos.

Zwischen all dem Verkehrsgedränge laufen während der roten Ampelphasen Bettelkinder zu den Autos.

Den Sonntag machten wir in der 1,4 Millionen Stadt zu einem Tag der Religionen und starteten unsere Tour mit dem Besuch der zweit größten Moschee Afrikas südlich der Sahara. Der Bau des islamische Gotteshaus wurde finanziell von Muammar al-Gaddafi, dem ehemaligen Staatsoberhaupt von Libyen unterstützt, welcher mehrmals u.a. zur Einweihung 2008 nach Kampala gereist war.

Gadahfi national Mosque in Kampala

Gadahfi national Mosque in Kampala

Das prunkvolle Gebäude und der Ausblick vom Minarett über Kampala mit seinem Verkehrstoben war gigantisch.

In Uganda leben ca. 40 % Muslime und 55 % Christen und wie wir leider auf dem Minarett von unserer Führerin gesagt bekamen, wollen sich die Religionen malwieder durch den Bau ihrer Gotteshäuser gegenseitig übertreffen. So findet man neben einem islamischen Gotteshaus auch nicht weit ein christliches.

Nachdem wir etwas in das islamische Glaubensleben eingetaucht waren, besichtigten wir das einzige Haus der Andacht der Bahai in Afrika. Der Tempel ist umgeben von einem gepflegten Park, in welchem die Glaubensanhänger dem turbulenten Kampala entfliehen können.

Haus der Andacht der Bahai

Haus der Andacht der Bahai

Hindu Tempel in Kampala

Hindu Tempel in Kampala

Nächste Stadtion unserer touristischen „Religionen Rally“ war ein Hindu Tempel im Stadt Zentrum und nach diesen vielen neuen Religionserfahrungen war es schön am Ende durch Glück (da unsere Fahrer unser Hostel nicht gefunden hat) noch bei der katholischen Kirche gelandet zu sein. Die „Sacred Heart“ Kirche ist zudem die größte Ugandas, welche die ersten europäischen Missionare in Uganda erbauten.

Nach diesem eindrucksvollen Wochenende ging es für Theresa und mich wieder von der Süd- auf die Nordhalbkugel des Globus. Doch schon morgen fahren wir nach Kigali in die Stadt. Dort werden wir meinen zweiten und letzten Besuch in Tansania empfangen, den ich schon ganz ungeduldig erwarte.

Gras wächst nicht schneller,
wenn man daran zieht.
aus Afrika

Verlängertes Wochenende

Da am Donnerstag 26.04., am sogenannten „Union Day“, der Zusammenschluss von Tanganyika und Sansibar zum Staat Tansania 1964 erinnert wird, hatten wir an diesem Tag frei und beschlossen den Freitag als Brückentag zu nutzen.
So war es für mich nach zwei Monaten Rulenge 24/7 mal wieder Zeit für die Stadt 🙂 und Annika, Theresa und ich fuhren am Donnerstagabend, nach einem entspannten Feiertag, nach Ngara und besuchten Constantin, der ja seit Lucas Umzug im Februar nach Rulenge ganz alleine als Freiwilliger mit in der Parish in Ngara wohnt.

Besuch bei Constantin

Besuch bei Constantin

Am Freitagmorgen bekamen wir eine kleine Führung im „Womenscraft“ Projekt in Ngara. In diesem Projekt werden afrikanische Frauen beschäftigt, welche hochwertige Produkte, wie Topfuntersetzer oder Körbe aus Naturmaterialien fertigen. Dazu verwenden sie zum Großteil Bananenblätter und flechten bunte Stoffe der landestypischen Kangas mit ein. Mitbegründer waren die Flüchtlingsfrauen, die während des Völkermordes der Hutus und Tutsis. Heute wird Frauen die Chance geboten, einen sicheren Lohn zu verdienen, was ein Schritt zu mehr Unabhängigkeit bedeutet. Durch die hohe Qualität der Produkte verzeichnet das Unternehmen steigende Umsätze.

Mehr Infos auf http://womencraft.org/

Nach einer kleiner Shoppingtour in der Stadt und einem Zwischensnack – anstatt von Döner, wie in der Breiten Gasse , gibt es in Ngara Suppe, Mandazi und Chai – besichtigten wir Constantins Projekt. Das wurde nach fast acht Monaten in Tansania auch endlich Zeit!
Der Nazareti Center ist bist ein Straßenkinderprojekt beherbergt knapp 30 Jungs im Alter von 5 bis 18 Jahre und wird von vier Schwestern des Sr.s Sainte Chretienne Ordens geleitet. Die Schwestern stammen aus dem Kongo, Ruanda, Kanada und Belgien.
Die Meisten der Kinder sind keine Vollwaisen, können aber aus den unterschiedlichsten Gründen nicht bei ihren Eltern leben und haben schon so einiges mitmachen müssen, wie uns Constantin erzählte. Die Jungs kommen aus der gesamten Diözese und auch aus umliegenden Regionen.

Die Jungs im Nazareti Center

Die Jungs im Nazareti Center

Im Nazareti Center werden die Kinder umsorgt und ihnen ein Schlafplatz und warmes Essen angeboten und sie besuchen verschiedene Primary Schools in Ngara. Am Nachmittag können sie sich auf dem Gelände frei und sicher bewegen und auf dem Fußballplatz spielen. Es wird versucht einen geregelten Tagesablauf herzustellen und so müssen sie u. a. ihre Wäsche selbst waschen und beim Tischdecken helfen. Die großen Kinder haben auch die Aufgabe sich um die Kleineren zu kümmern.
Nach dem Beenden der sieben Jahre Primary School haben einige durch finanzielle Unterstützung die Chance eine Secondary School zu besuchen oder sie werden motiviert eine Ausbildung, zum Beispiel zum Schneider oder Automechaniker anzufangen.
Auf dem Nachhauseweg ergatterten wir noch einige „Luxusprodukte“ im Tankstellenshop in Ngara, kauften Streichkäse und da es in Ngara eine zentrale Stromversorgung gibt, gönnten wir uns ein kühles AZAM-Eis 🙂

Für Samstag stand für Theresa und mich eine Fahrt nach Karagwe an. Die kleine Stadt liegt ca. fünf Autostunden nördlich von Rulenge entfernt und einige unserer Waisenkinder gehen dort auf die private Grundschule „St. Peter Claver School“. Sister Mecktilda fragte uns, ob wir gerne die Schüler nach den Ferien dort hinbegleiten möchten und so brachen wir um 5 Uhr am Samstagmorgen mit einem Kleinbus und den Schulkindern nach Karagwe auf. Wie bei allen Autofahrten war auch diesmal der Kleinbus etwas überbeladen, doch das ist hier ganz normal und trotz der schlechten Schotterpiste schlief der gesamte Bus inklusive Theresa und mir die ersten paar Stunden.

Auf dem Weg zur St. Peter Claver School

Auf dem Weg zur St. Peter Claver School

Auf dem Schulgelände angekommen wurde kontrolliert, ob die Schüler die benötigten Schulmaterialien und Hygieneartikel dabei haben.
Die St. Peter Claver Privat Schule kann man als Eliteschule bezeichnen und das Waisenhaus entscheidet, bei welchen Kindern es sich „lohnt“, sie auf diese Schule zu schicken. Kinder, die viel Ärger machen oder die gewünschten Noten nicht erreichen, werden auf „billigere Schulen“ versetzt. Die Schulgebühren werden durch Spenden und Partnerschaften bezahlt. Ein Schuljahr auf der St. Peter Claver School kostet 900.000 TSH, das sind ca. 450 Euro.
Da es weder in Rulenge, noch in Ngara bei uns in der Nähe einen VISA-Automaten gibt, ist es nicht so ganz leicht an Geld zu kommen. So bot es sich an in Karagwe Geld für unsere Projekte im Angels Home abzuheben, da die 400.000 Einwohner Stadt eine Bank mit VISA-Funktion besitzt. Danach ging es für uns mit unserem Fahrer und neuen Fahrgästen wieder zurück nach Rulenge und wir verabschiedeten uns von den Kindern, diese werden wir erst Ende Juli noch einmal wiedersehen.

Hier in Tansania wird noch sehr viel per Anhalten gefahren und so verdiente der Fahrer auch noch etwas bei der Rückfahrt. So konnte er auch das Bußgeld, das er bei einer Polizeikontrolle zahlen musste, wieder einnehmen. Das Führerscheinsystem in Tansania wurde nämlich vor einigen Monaten geändert, da jedoch für die meisten Tansanier das Umschreiben zu teuer ist, fährt auch unser Fahrer noch mit dem alten Führerschein. Dies kostet legal 30.000 TSH, ohne Rechnung nur 10.000 TSH und unser Fahrer bezahlte somit direkt den kontrollierenden Polizisten. Korruption ist hier leider Gang und Gebe. Unser Fahrer sagte, dass er weiß, dass Korruption das Land nicht voranbringt, aber er weiß auch, dass es alle so machen, warum sollte er dann 20.000 TSH (10 Euro) mehr bezahlen?
Bei dem Stopp in Ngara nahmen wir noch einige Schüler mit, die in Rulenge zur Schule gehen. Sie erzählten uns, dass heute ein Taxi (in Deutschland ein 5-Peronenwagen) mit 22 Schülern nach Rulenge gefahren ist. Mein Rekord waren 14 Personen und ich kann sagen das war schon etwas eng 🙂

Als Wochenendgeschenk 🙂 hatten Lucas und Annika sich daheim mächtig rein gestresst, einen Grill organisiert und waren am Kochen. So luden wir am Abend unseren lieben Father Denis zum Grillen auf unserer Terrasse ein.

Ein geglückter Grillabend auf unserer Terrasse

Ein geglückter Grillabend auf unserer Terrasse

Am Sonntag schauten wir den Film „Hotel Ruanda“ an, welcher über den Völkermord in Ruanda 1994 handelt. Diese Film hat mich sehr schockiert und wir haben noch viel darüber geredet. Ich begreife hier in Tansania ganz anderes, viel näher, wie grausam die Menschheit sein kann, als es uns schon beim Behandeln des Naziregimes im Geschichtsunterricht bewusst gemacht wurde. Es ist hier eben so, dass alle, die über 18 Jahre sind, dieses Massaker miterlebten. Die alten UN-Flüchtlingszelte in Ngara, die jetzt als Markthallen genutz werden, erinnern noch daran.

Den Montag waren wir in der Arbeit und verbrachten den Vormittag mit den Kindern wegen des starken Regens im Haus und freuten uns um so mehr, als wir am Nachmittag bei warmen Sonnenschein draußen Fangen spielen konnten.
Am „Tag der Arbeit“ (Siku ya Wafanyakazi) sind wir gemütlich in den Tag gestartet und gingen mit den Kindern auf den Dienstagsmarkt. Wir versuchen mit den Kindern jetzt bei jeder Möglichkeit aus dem Angels Home rauszukommen, da die Kinder – wenn man ehrlich ist – im Waisenhaus eingesperrt sind und nicht an das Leben auf der Straße gewöhnt sind. So erledigen wir Einkäufe jetzt immer in Begleitung 🙂

Menschliches Glück stammt nicht so sehr aus großen Glücksfällen,
die sich selten ereignen,
als vielmehr aus kleinen glücklichen Umständen,
die jeden Tag vorkommen.
Benjamin Franklin

Menschenskinder

Heute bekommt ihr mal wieder etwas Einblick in meine Arbeit im Waisenhaus.
Gleich am Morgen, wenn wir in das nur wenige Minuten entfernte Angels Home laufen, freu ich mich, wenn die Kinder uns mit „Dada Theresa na dada Simone“ (Schwester Theresa und Simone) schreiend entgegengerannt kommen. Hierbei begrüßen uns auch noch viele andere Kinder aus dem Dorf, die ebenfalls die Vorschule des Waisenhauses besuchen. Insgesamt hat das „Angels Home“ im Moment 35 Kinder unter ihrer Obhut, wobei davon 18 durchgängig im Waisenhaus leben und schlafen. Die großen Kinder besuchen die Primary bzw. Secondary School als Bording School, d.h. sie sind im Internat und kommen nur in den Ferien nach Rulenge ins Angels Home.

Misigaro ist acht Jahre alt und er besucht die Primary School. Mitte Januar haben Theresa und ich ihn das erste Mal gesehen, als wir ihm im Krankenhaus in Rulenge besuchten. Die Schwestern sagten uns, dass ein Junge aus der Primary School im Krankenhaus liegt und wirklich sehr krank ist. Sie konnten uns nicht sagen was er hat und es war wirklich traurig den kleinen abgemagerten Jungen mit Beatmungsschlauch reglos im Bett liegen zu sehen. Obwohl wir ihn noch nicht kannten, waren wir sehr schockiert und auch die Schwestern und Arbeiterinnen hatten große Angst um ihn. Um so erleichterter und glücklicher waren wir alle zusammen, als er nach nicht mal einer Woche wieder ganz normal im Waisenhaus mit den anderen Kindern im Hof herumtollte. Theresa und ich waren so erstaunt, wie gut er sich in der kurzen Zeit erholen konnte und vermuteten, dass das bestimmt mal wieder ein Kiswahili-Missverständnis ist und der muntere Junge nicht der gleiche sein kann, wie der, den wir erst vor Kurzem am Krankenbett besucht haben. Doch das war wirklich Misigaro!
Auch wenn Misigaro noch nicht viel Englisch spricht, wird er von uns oft als Dolmetscher gebraucht und für uns ist es eine große Erleichterung, wenn während der Ferien die „großen Kinder“ für uns das Kiswahili der Schwestern und Kinder auf Englisch übersetzen.

Misigaro mit dem kleinen Alphonce

Misigaro mit dem kleinen Alphonce


Ferien im Sinne, wie wir das verstehen, mit langem Ausschlafen, spielen, chillen, fernsehen und was mit Freunden machen, gibt es hier für die Kinder nicht. Im Waisenhaus wird jede Hand gebraucht. Die Mädchen waschen, wickeln und ziehen die Kleinen mit an und die Jungs helfen auf dem Feld. Kurz vor Ostern war Erdnusserntezeit und so halfen die Kinder die Nüsse von den Stauden zu pflücken. Das hat mich ein bisschen an das Preiselbeerzupfen und –ausklauben erinnert. 🙂 So bald die Kinder in der Schule kommen, muss jeder seine Wäsche selber per Hand waschen, denn die Arbeiterinnen haben schon mit der vielen Dreckswäsche der Kleinen genug Arbeit am Tag.

Die meiste Zeit im Waisenhaus verbringe ich damit, mit den Kindern am Boden zu sitzen, sie zu streicheln und zu knuddeln. Ich versuche mit ihnen kleine Spiele zu spielen oder zu singen. Es ist dabei nicht immer ganz so leicht, den Überblick zu behalten und wenn ein Kind zum Schreien beginnt, folgt gleich das nächste und das nächste.. Zum Wickeln findet man eigentlich immer mindestens ein Kind. Und da hier mit Stoffwindeln gewickelt wird, sind die Hosen und Bodys auch jedesmal gleich noch zum wechseln.
Mir tun die Kinder oft sehr leid und auch jetzt nach einem halben Jahr ist es für mich noch sehr schwer, die Kinder in der zerlumpte Kleidung im Dreck ohne Spielzeug spielen zu sehen. Die Schwestern schlagen oftmals nur wegen Kleinigkeiten zu, und auch nicht nur einmal. Doch die Sprache bereitet uns am meisten Schwierigkeiten, es ist einfach unmöglich in nur einem Jahr eine ganz neue Sprache zu lernen und zum größten Teil zu verstehen, es klappt zwar immer besser, aber wir stoßen dabei schon oft an unsere Grenzen.
So ist es nicht leicht, sich durchsetzen zu können, denn frech sein können alle Kinder und ohne die gleiche Sprache ist es dann gleich nochmal schwerer, Ordnung in das Chaos zu bringen und die Kinder zu schlagen, wie es noch in der tansanischen Kultur üblich ist, das kann ich nicht! Gerecht kann man leider nicht immer jedem werden. Vor allem weil ich manchmal nicht ganz verstehen, um was sich jetzt gestritten wird oder wer wem was weggenommen hat und lügen fällt Kindern in solchen Situationen auch nie schwer 🙂

Wir haben viele Spielsachen von Freunden und Verwandten in Deutschland geschickt bekommen, diese lagern wir alle bei uns Zuhause und nehmen nur zum Spielen einige Sachen mit ins Angels Home und wieder mit Heim, da die Schwestern ansonsten die Spielsachen der Kinder gerne einkassieren und wegsperren. Es gibt einen großen Lagerraum, in den Theresa und ich das erste Mal vor einigen Wochen (d.h. erst nach einem halben Jahr!) haben schauen dürfen! Uns fielen dabei echt halb die Augen aus. Der Raum ist vollgestopft und vermüllt mit schönen Klamotten, Schuhen, Stofftieren, Stiften, Holzspielsachen, Bällen und und und.. und wir dachten die Kinder haben nichts zum Spielen. Von unseren Vorgängern haben wir erfahren, dass die Schwestern, bei Familienbesuchen gerne einige der Spielsachen mit zu ihren Verwandten heimnehmen und sie dort verschenken. Das kann man ihnen aber wiederrum auch nicht ganz übel nehmen, da in der tansanischen Kultur solche Mitbringsel und Geschenke erwartet werden. Somit ist das Schwesternleben in vielen Fällen mit einem nicht zu unterschätzenden Druck von der Familie behaftet, da die Schwestern ja selbst in Armut leben, jedoch auf Grund der Bildung für die Familie den Anschein erwecken, viel Geld zu besitzen.
Der Lagerraum mit den vielen Kindersachen ging uns echt nach und wir wollten unbedingt einen genaueren Blick in das „Kinderparadies“ haben. Wir hatten auch einige Ideen, was man ändern könnte.
So wollten wir uns mit der Oberschwester des FSSB Ordens zusammen mit Father Denis treffen. Auf das Treffen mussten wir über fünf Wochen warten und uns schien, dass das Interesse an unserer Arbeit nicht sehr groß ist.
Das Treffen mit der Oberschwester verlief dann jedoch überraschend besser als erwartet und wir hatten neue Motivation etwas zu tun.
Aus Hierarchiegründen war es wichtig erst mit der Oberschwester zu reden, aber logischerweise hatte sie nicht wirklich eine Vorstellung, wie das Leben im Waisenhaus genau abläuft. So trafen wir uns ein paar Wochen später mit den direkten verantwortlichen Schwestern des „Angels Home’s“. Wir erzählten ihnen, dass wir gerne einiges im Waisenhaus mit unseren Spendengeldern aus Deutschland verändern möchten, ließen aber erst mal die Schwestern Vorschläge zur Veränderung bringen. Das Gespräch verlief wirklich sehr gut. Wir sprachen auch an, dass wir nicht verstehen, warum in dem Lagerraum so viele Kinderspielsachen gelagert werden, die Kinder aber nichts zum Spielen haben und auf altem Plastik herumkauen. Eine Antwort bekamen wir darauf nicht. Ich würde sagen, dass das mal wieder eine tansanische Logik ist, die ich als Deutsche nicht begreifen kann.
Wir boten uns an, den Lagerraum aufzuräumen und etwas System in das Chaos zu bringen. Des Weitern planten wir gemeinsam mit den Schwestern mit unserem Spendengeld ein Kinderschlafzimmerfenster zu erweitern, da durch einen neugebauten Wassertank nicht mehr genügend Licht ins Zimmer kommt, ein Regendach zum Wäscheaufhängen bauen zu lassen, damit die Wäsche während der Regenzeit schneller trocknen kann und wir kaufen richtige Schränke, um die Spielsachen und Klamotten zu sortieren, denn bis jetzt waren sie in ca. zehn Koffer gestopft (wahrscheinlich in denen, die die europäischen und amerikanischen Spender geschickt hatten).
In der Woche nach dem Treffen hat sich überraschenderweise gleich recht viel getan und wir begannen mit einer großen Aufräumaktion. Die Kleiderschänke mit den benützen Klamotten wurden neu durchsortiert und wir nahmen einen großen Haufen davon zum Knöpfe annähen und reparieren mit nach Hause. Bisher wurden die Klamotten nicht zwischen Hose, T-Shirt, Pulli unterschieden und einfach kreuz und quer in den Schrank gestopft. Das erforderte oft eine lange Sucherei, um ein Kinder zu Wickeln. Jetzt sind die einzelnen Fächer beschriftet und meistens findet man auch darin das, was draufsteht. 🙂
Die darauffolgenden Tage widmeten wir uns dem „Storage“ (Lagerraum) und fanden uns wirklich in einem Kinderparadies wieder. Kinderschuhe in allen Größen, vermischt mit Kuscheltieren, Lernspielsachen, Malsachen, Babyflaschen, Hygieneartikeln und einer Menge wunderschöner (Marken-)Klamotten für Kindern. Alles kunterbunt gemischt und durchgewühlt. Leider mussten wir feststellen, dass viele Spielsachen nicht mehr ganz komplett waren, so fehlten zum Beispiel bei einigen Puzzles oder bei dem Memory einige Teile. Wahrscheinlich wurde oft einfach willkürlich ein Spielzeug für die Kinder herausgezogen. Das kann man den Schwestern aber auch wieder nicht ganz übel nehmen, da sie selbst bei den meisten Spielsachen nicht wissen, was das ist und wie man damit spielt. Eine Anleitung auf Kiswahili gibt bei Spielsachen aus Amerika, Italien oder Deutschland nicht.

Spielsachen, die die Kinder im Angels Home noch nie gesehen haben

Spielsachen, die die Kinder im Angels Home noch nie gesehen haben


Das Chaos im "Storage"

Das Chaos im "Storage"


Nach drei Tagen Arbeit hatten wir etwas System in das Chaos gebracht, zwischenzeitlich waren Schreiner da und die Schwestern holten Angebote für die Schränke ein. Mein Opa als Schreiner wäre von dieser Vorgehensweise bestimmt mehr als geschockt. Als wir dem ersten Schreiner zeigten, wo wir gerne die Schränke haben möchten und ihm zeigten wie groß diese sein sollten, fragte er die Schwester Mecktilda, ob er ein Metermaß haben könnte. Ja ein Schreiner in Tansania kommt zum Abmessen ohne Maßband! Schwester Mecktilda konnte auf die Schnelle nichts Besseres als ein 30 cm Lineal auftreiben, und so wurde sehr professionell abgemessen 🙂
Auch die ersten Angebote für das Regendach wurden schon besorgt und so lasse ich mich überraschen, was wohl die nächsten Wochen bringen.
Auch wenn nicht immer alles so läuft, wie man sich das vorstellt, ein schmusender Alphonce, ein grinsender Boazi oder eine kichernde Furaha machen für mich die kleinen Problemchen des Alltags wieder wett. Die sind einfach so unglaublich süß!

Man kann in Kinder nichts hineinprügeln,
aber vieles herausstreicheln.
Astrid Lindgren